Ist die Entfernung von bleibenden Zähnen bei Progenie als kieferorthopädische Maßnahme sinnvoll?

Frage von Frau M.:

Bei unserem 14 jährigen Sohn wurde folgende Anamnese gestellt: alle permanenten Zähne sichtbar angelegt. Weisheitszähne röntgenologisch sichtbar im Platzmangel. Fam. bedingte Anomalie. Stark Dolichofaziale Wachstumsrichtung, Tendenz zur Progenie.
Zur Therapie gehört unter anderm das Ziehen der Zähne 15,25 im OK und 34, 44 im UK.
Müssen diese unbedingt gezogen werden ?

Antwort Dr. Weber:
Sehr geehrte Frau M.,
natürlich sehe ich Ihren Sohn nicht vor mir und kann dazu nichts individuelles sagen. Gestatten Sie mir aber einen Rat: die Entfernung gesunder bleibender Zähne sollte aus unserer Sicht die allerletzte Variante einer Behandlung sein. Häufig sind diagnostizierte Progenien keine reinen und echten Progenien. Bei einer echten Progenie ist alleine der Unterkiefer zu groß und überragt im Profil das gesamte obere Gesicht nach vorne. Viel häufiger sind Mischformen bei denen vielleicht auch der Unterkiefer zu groß, aber auch das Mittelgesicht (Oberkiefer UND Nasenwege!) zu klein ist. Ist dies der Fall und es werden im Oberkiefer dann zusätzlich noch zwei Zähne gezogen, so wird das Problem weiter verschärft. Eingeschränkte Zugenfunktion und Schwierigkeiten in der Nasenatmung können entstehen oder sich verschlechtern wenn sie gar schon bestehen.
Seit knapp zwei Jahren untersuchen wir ALLE unsere Patienten auf Atemdefizite. Dabei fällt auf, dass insbesondere zwei Gruppen von Atemaussetzern in der Nacht betroffen sind: Rücklagen des Unterkiefers (das Gegenteil der Progenie) und eben Mittelgesichtsverkleinerungen (= Pseudoprogenie).
Vor dem Entfernen würde ich daher die Nachtatmung auf jeden Fall überprüfen lassen.

Viele Grüße
Ihr
Dr. Joachim Weber

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